Werkstatt-Stadt
 

Neues Wohnen in der Altstadt

Finsterwalde „Innenstadt“

(Brandenburg)

Kontext

Bild: Situation vor der Sanierung

Quelle: Büro Schweizer, Berlin

Die Stadt Finsterwalde verzeichnet seit Anfang der 1990er Jahre Bevölkerungsrückgänge (heute ca. 18.000 EW). Die Altstadt war zudem durch hohen Instandsetzungsbedarf, leerstehende Gebäude und Brachflächen geprägt. Seither hat die Innenstadterneuerung in Finsterwalde einen herausragenden Stellenwert. Im Jahr 1993 wurde das Sanierungsgebiet „Innenstadt“ förmlich festgelegt und 1999 das Modellvorhaben des Landes Brandenburg für nachhaltigen Wohnungsbau in der Altstadt initiiert. Im Auswahlverfahren für sechs Modellprojekte fand eine "Kosten-/Nutzenuntersuchung von bautechnischen Maßnahmen für nachhaltigen Wohnungsbau" statt. Dabei wurde ein so genannter Nachhaltigkeitsindex (NAX) ermittelt, der den Aufwand und die Effektivität der Baumaßnahmen angibt. Auf diese Weise war die Förderung an messbare Nachhaltigkeitskriterien gekoppelt.

 

Projektbeschreibung

Bild: Blick in den Hof

Quelle: Büro Schweizer, Berlin

Städtebauliche und bauhistorische Gründe legten es nahe, in der Altstadt, an der Grabenstraße die Struktur eines Baublocks zu rekonstruieren. Der ursprünglichen, traufständig geschlossenen Bebauung entsprechend entstanden 16 zwei- bis dreigeschossige Neubauten mit ausgebauten Dächern. Diese Neubauten haben Niedrigenergiehaus-Standard, Fernwärmeanschluss und eine Solaranlage für die Warmwasserbereitung, was niedrige Betriebskosten ermöglicht. Neben der Neubebauung konnten zwei denkmalgeschützte Häuser aus der Zeit um 1700 saniert werden. Insgesamt sind 69 kostengünstige Mietwohnungen und drei Gewerbeeinheiten entstanden. Durch die Anhebung der Erdgeschosse bzw. die Ausbildung der Wohnungen in Maisonetteform verringerte man innenstadttypische Einschränkungen in den Erdgeschosszonen. Auf diese Weise entstanden höhere Wohnqualitäten als in Altbaustrukturen üblich.

Der Blockinnenbereich ist als begrünter Wohnhof mit Sitz- und Spielflächen sowie mit Mietergärten ausgestaltet. Durch den Innenhof zieht sich eine geschwungene Gabionen-Wand (mit Natursteinen verfüllte Drahtkörbe), in die Neben- und Abstellräume integriert sind. Die notwendigen Autostellplätze für die Wohnungen und Gewerbebetriebe befinden sich in einer nahegelegenen Abstellanlage. So konnte der Wohnhof autofrei bleiben. Dieser Komplex ergänzt in der Altstadt neue Wohnqualitäten in verdichteter, angepasster Bauweise und zugleich mit großer Freiraumqualität.

Das Schlüsselprojekt für das Wohnen in der Innenstadt ist in eine umfassende Stadterneuerungsstrategie eingebunden. Finsterwalde nutzt vorhandene Flächenpotenziale und Gebäudeleerstände für die Weiterentwicklung von Handel, Kultur, Gastronomie und Wohnen in der Innenstadt. Die Stadt flankiert die Stärkung der Funktionsvielfalt mit verkehrlichen Maßnahmen und mit der Aufwertung von Freiräumen. Eine Umgehungsstraße soll künftig die Rückwidmung von stark befahrenen Bundes- und Landesstraßen mitten durch die Altstadt ermöglichen. Die betroffenen Straßenabschnitte könnten anschließend mit dem Ziel einer durchgreifenden Verkehrsberuhigung umgestaltet werden. Zu den wichtigen Stadterneuerungsmaßnahmen gehören weiterhin die Neugestaltung des Marktplatzes und des Schlossparks, die Sanierung des Finsterwalder Schlosses sowie die Modernisierung diverser Wohn- und Geschäftshäuser.

Für die Finanzierung der umfänglichen Erneuerungsmaßnahmen in der Innenstadt mobilisiert Finsterwalde vielfältige Quellen. Die Stadt bündelt Fördermittel aus den Städtebauförderprogrammen für städtebauliche Sanierungsmaßnahmen, Stadtumbau und aktive Zentren sowie der Wohneigentumsförderung des Landes. Diese werden mit Eigenressourcen der Stadt und privaten Investitionen kombiniert.

 

Projektchronologie

Jahr Ereignis
1993 Beginn der städtebaulichen Sanierungsmaßnahme Innenstadt
seit 1998 Konzeption des Wohnungsbauprojekts
1999 Kosten-/Nutzenuntersuchung der geplanten Wohnungsbaumaßnahmen, Ermittlung des Nachhaltigkeitsindex (NAX), Aufnahme als Pilotprojekt in das "Landesprogramm zum nachhaltigen Wohnungsbau", Beginn der Ausführungsplanung für den Wohnungsneubau
2001 bis 2002 Realisierung des Wohnungsbauprojektes
2001 Brandenburgischer Bauherrenpreis
2002 Deutscher Bauherrenpreis
2008 Aufnahme in das Städtebauförderprogramm „Aktive Stadt- und Ortsteilzentren“
2009 Einzelhandelskonzept
2010 Einrichtung eines Verfügungsfonds, kommunale Richtlinie zur Vergabe der Fondsmittel
 

Ziele

Bild: Bebauung an der Grabenstrasse

Quelle: Büro Schweizer, Berlin

  • Nachhaltiger Wohnungsbau in der Stadterneuerung
  • Schaffung von innerstädtischem Wohnraum mit hoher Freiraumqualität bei optimaler Verdichtung
  • Mischung von Funktionen und Wohnformen
  • Stadtbildpflege und -reparatur
  • Innenentwicklung durch Stärkung der baulichen und sozialen Struktur der Altstadt
  • Profilierung der Einzelhandelsstruktur
  • Förderung neuer Kooperationsformen zwischen Kommune, BauherrInnen, Wohnungsunternehmen und PlanerInnen
 

Maßnahmen

Bild: Innenhof mit Spielflächen

Quelle: Büro Schweizer, Berlin

  • Nachhaltigkeitskriterien für den Wohnungsbau
  • Neubau kostengünstiger Miet- und Eigentumswohnungen
  • Niedrigenergiebauweise mit Fernwärmeanschluss und Solaranlage
  • Instandsetzung und Modernisierung bestehender Infrastruktur und Bausubstanz
  • Sanierung von Baudenkmalen
  • Wohnumfeldverbesserung (Hofbegrünung, Spiel- und Sitzflächen, Mietergärten etc.)
  • Verkehrsberuhigung
  • Platzgestaltung
  • Einzelhandelskonzept
  • Verfügungsfonds
 

Innovationen

Bild: Hofansicht der Wohnhäuser

Quelle: Büro Schweizer, Berlin

Der Wohnungsneubau an der Grabenstraße ist ein zukunftsweisendes Initialprojekt zur Stärkung der Wohnfunktion in einer Altstadt. Der Nachhaltigkeitsindex (NAX) stellt ein neuartiges Beurteilungsinstrument für nachhaltiges Bauen dar und dient der Qualitätsentwicklung im Wohnungsbau.

Durch dieses Projekt der Innenentwicklung entstand ein Wohnungsangebot, das in Qualität, Bautechnik und Kosten äußerst attraktiv ist. Es erweitert das Spektrum der innerstädtischen Wohnformen und trägt dazu bei, dass die Zahl der Innenstadtbevölkerung in Finsterwalde zunimmt.

Durch die Verbindung von Bestandserneuerung und angepasstem Neubau ist ein städtebaulich integriertes Wohnquartier entstanden. In der Kombination mit weiteren Stadterneuerungsmaßnahmen trägt das Wohnungsbauprojekt zur Funktionsvielfalt und damit zur nachhaltigen Stärkung der Innenstadt bei.

 

Quellen

  • o. Verf. (2002): Modellvorhaben nachhaltiger Wohnungsbau. In: Architektenkammer Berlin (Hg.). Architektur in Berlin. Jahrbuch 2002. Berlin
  • Ministerium für Stadtentwicklung, Wohnen und Verkehr Brandenburg (2000): Nachhaltiger Wohnungsbau im Land Brandenburg. Potsdam
  • Ministerium für Stadtentwicklung, Wohnen und Verkehr Brandenburg (2000): MSWV Aktuell. Schwerpunktthema: Die Region Südwestbrandenburg. (MSWV Aktuell, 1- 2000, Vierteljahreszeitschrift). o. O.
  • http://www.finsterwalde.de
 

Weiterführendes

  • Erläuterungen zum Nachhaltigkeitsindex in: Ministerium für Stadtentwicklung, Wohnen und Verkehr Brandenburg (2000): Nachhaltiger Wohnungsbau im Land Brandenburg. Potsdam
  • http://www.aktivezentren.de


Größere Kartenansicht

Den Projektstandort finden Sie auch unter PLZ: 03238 - Ort: Finsterwalde - Straße: Grabenstraße 5.

 

Akteure

  • Fachbereich Stadtentwicklung, Bauen und Verkehr der Stadtverwaltung Finsterwalde, Herr Zimmermann, Tel. 03531/783900, E-Mail: fb3@finsterwalde.de
  • Ministerium für Infrastruktur und Landwirtschaft (MIL), 14467 Potsdam
  • Architekt Dipl. Ing. Michael Schweizer, Lindenallee 3, 13088 Berlin-Weißensee, Tel. 030/9253314, Fax 030/9268562, eMail: info@architekt-schweizer.de, (Lageplan und Fotos)
  • Wohnungsgesellschaft der Stadt Finsterwalde mbH (WGF), http://www.wgf.de, info@wgf.de
  • Sanierungsträger DSK, Ostrower Str. 15, 03046 Cottbus, Herr Brenner, Tel. 0355/7800211
  • "Wuppertal Institut" für Klima, Umwelt und Energie und Büro "gibbins european architects", Berlin (Gutachten, NAX)
 

Datensatz eingestellt am 01.02.2004 im Rahmen des Forschungsauftrages „Innovative Projekte im Städtebau“ (IProS) vom Lehrstuhl für Planungstheorie und Stadtplanung, RWTH Aachen und aktualisiert vom Bundesinstitut für Bau-, Stadt- und Raumforschung (BBSR) im Bundesamt für Bauwesen und Raumordnung (BBR) .

Letzte Änderung: 16.02.2011