Werkstatt-Stadt
 

Innerstädtisches Wohn- und Wirtschaftsprojekt aus Frauenhand

Bremen-Neustadt „Beginenhof“

(Bremen)

Kontext

Bild: Blick vom Beginenhof auf die Stadt

Foto: Beginenhof e.V., Bremen

Im Jahr 1997 gründete eine Bremer Frauen-Initiative den Verein Bremer Beginenhof Modell e.V., mit dem Ziel, entsprechend dem Beispiel der Beginenhöfe im 13. und 14. Jahrhundert, Wohn- und Wirtschaftsgemeinschaften von Frauen aller Alterstufen zu etablieren.

Im Bremer Stadtteil Neustadt, einem hochverdichteten Quartier in unmittelbarer Nähe des Werdersees mit Grünflächen und Sportanlagen, stand eine von drei Seiten erschlossene, langgestreckte Gewerbebrachfläche von 6.000 qm zur Wiedernutzung zur Verfügung.

 

Projektbeschreibung

Bild: Blick in den Beginenhof

Foto: Erika Riemer-Noltenius

Ab 1998 wurde der städtebauliche und architektonische Entwurf von der Architektin Alexandra Czerner, Hamburg und Mitgliedern des Vereines erarbeitet. Es entstand ein Ensemble aus vier 3-geschossigen Baukörpern, die einen Hof und einen öffentlichen Platz umschließen.

In drei Gebäuderiegeln sind insgesamt 85 Wohnungen mit einheitlichem Standard und teilweise mit veränderbaren Grundrissen errichtet worden. Sie wurden je zu einem Drittel als Sozialwohnungen, Miet- oder Eigentumswohnungen konzipiert. Alle Wohneinheiten sind über Aufzüge und Laubengänge erschlossen, haben Balkon oder Loggia und eine zweiseitige Belichtung. Seit Juni 2001 leben dort etwa 70 Frauen, 30 Kinder und Jugendliche in einer gemeinschaftlichen Wohnform, die eine Ergänzung oder den Ersatz von traditionellen Familienstrukturen bieten soll. Die Initiatorinnen nennen dies "Wahlverwandtschaft".

Im sogenannten "Turm" und in den Erdgeschossen sind Gewerbeflächen entstanden: Büros, Praxen und Ladenlokale. NutzerInnen sind zum Beispiel: Gesundheitszentrum mit Fitness-Studio, Bioladen, Zahnärztin, Rechtsanwalt. Inzwischen gibt es auch eine Hebammenpraxis und einen Lern- und Förderverein für SchülerInnen. Es wurden bisher ca. 20 Arbeitsplätze geschaffen.

Der vierte Baukörper beherbergt seit Juli 2003 einen Kindergarten für 40 Kinder. Die sozialen und gewerblichen Einrichtungen des Beginenhofes richten sich ausdrücklich auch an die Nachbarschaft und ergänzen das Angebotsspektrum des Stadtteils.

Von den BewohnerInnen wurde schon frühzeitig ein "Arbeitskreis Mobilität" gegründet, der sich auf unterschiedlichen Ebenen für "weitgehende Autofreiheit" des Projektes und Förderung des öffentlichen Verkehrs einsetzt.

Trotz zwischenzeitlich eingetretener Finanzschwierigkeiten durch den Wegfall von Fördermitteln wurde der ambitionierte Projektansatz fortgeführt und ein Finanzkonzept erarbeitet.

Seit dem 1.1.2009 ist das Insolvenzverfahren beendet. Vierzig Wohnungen wurden von Frauen gekauft. Die übrigen 45 Wohnungen wurden von der GEWOBA AG gekauft und werden von ihr vermietet. Selbst die Gewerbeflächen sind z.T. Privateigentum und z.T. verpachtet.

 

Projektchronologie

Jahr Ereignis
1997 Vereinsgründung "Bremer Beginenhof Modell e.V."
ab 1998 Gemeinschaftliche Erarbeitung des Entwurfs (Architektin und Nutzerinnen)
1999 Genossenschaftsgründung "Bremer Beginenhof Wohnungsbau Kooperative e.G."
Juni 2000 Baubeginn
Mai 2001 Fertigstellung und Einzug
Seit August 2001 Insolvenzverfahren
Juli 2003 Inbetriebnahme des Kindergartens
Januar 2009 Insolvenzverfahren beendet
 

Ziele

Bild: Feier im Innenhof

Foto: Erika Riemer-Noltenius

  • Lebens- und Arbeitsgemeinschaft von Frauen in der Stadt
  • Überwindung der Isolation von allein stehenden Frauen mit und ohne Kindern
  • Konsequente Mischung von Wohnen, Arbeiten, Freizeit- und Versorgungseinrichtungen
  • Gebäude mit zeitgenössischer, kommunikationsfördernder Architektur, die sich zum Stadtteil und zur Nachbarschaft öffnen
  • "weitgehende Autofreiheit" und Unterstützung von nachhaltiger Mobilität
 

Maßnahmen

  • Errichtung von 85 Miet- und Eigentumswohnungen, Ladenlokalen, Büros und Praxen
  • Bau von Gewerbeflächen und Vermietung an Existenzgründerinnen
  • Neubau eines Kindergartens
  • Arbeitskreis "Mobilität", CarSharing-Standplatz, Fahrkartenpool

Auszeichnung als weltweites Projekt der EXPO 2000

Sonderpreis 2001 des UNCHS (United Nations Center of Human Settlements) als innovatives "Wohn-Modell für Single-Frauen"

 

Innovationen

Bild: Ansicht von der Strasse

Foto: Beginenhof e.V., Bremen

Dieses Projekt reagiert auf die steigende Nachfrage von allein stehenden, berufstätigen Frauen nach bedarfsgerechten Wohnformen. Der Beginenhof bietet Wohnungen und Gewerberäume, die das Spektrum des Innenstadt-Quartiers um wichtige Elemente erweitern. Der starke Nachbarschaftsgedanke öffnet Wohn-Perspektiven jenseits traditioneller (Familien-)Strukturen und ermöglicht ein generationenübergreifendes Zusammenleben in einer Hausgemeinschaft.

 

Quellen

  • Riemer-Noltenius, Erika (2002): Beginenhof Bremen. Ein Brief. In: Frauenzeitschrift "Ab 40". Ausgabe 4/2002. Bremen
  • Czerner, A.; Riemer-Noltenius, E. (2001): Das Bremer Beginenhof Modell. In: Das Bauzentrum / Baukultur. Über einen Wandel im Wohnen. (Heft 3/2001). o. O.
  • Riemer-Noltenius, E. (2001): Offen und eigenständig - das Bremer Beginenhof Modell. In: Wohnbund e.V. Baukunst - Baukultur. Die Ästhetik der Partizipation. (Wohnbund Informationen 4/2001). München (Lageplan und Foto 4)
  • Bremer Beginenhof Wohnungsbau Kooperative (o. J.): Das Bremer Beginenhof Modell. Bremen
  • Bremer Beginenhof Modell (o. J.): Bremer Beginenhof Modell. Beginenhof in der Bremer Neustadt / Die Beginenkultur. In: http://www.beginenhof.de
 

Weiterführendes

  • Dachverband der Beginen e. V., Haus der Demokratie, Greifswalder Str. 4, 10405 Berlin http://www.dachverband-der-beginen.de
  • Zur Beginenkultur: diverse Literatur im Buchhandel erhältlich

Den Projektstandort finden Sie auch unter PLZ: 28201 - Ort: Bremen - Straße: Beginenhof 1.

 

Akteure

 

Datensatz eingestellt am 01.10.2003 im Rahmen des Forschungsauftrages „Innovative Projekte im Städtebau“ (IProS) vom Lehrstuhl für Planungstheorie und Stadtplanung, RWTH Aachen und aktualisiert vom Bundesinstitut für Bau-, Stadt- und Raumforschung (BBSR) im Bundesamt für Bauwesen und Raumordnung (BBR) .

Letzte Änderung: 02.03.2010