Werkstatt-Stadt
 

Neue Altstadtattraktivität durch Stadtumbau

Stralsund „Nördliche Hafeninsel“

(Mecklenburg-Vorpommern)

Kontext

Der Hafen war Ausgangspunkt für die wirtschaftliche Entwicklung Stralsunds zu einer reichen Handelsstadt während der Hansezeit. Von 1862 bis 1868 wurden die Hafenanlagen durch die Aufschüttung der nördlichen und südlichen Hafeninsel auf der Seeseite der Altstadt erweitert. Während die südliche Insel als reiner Lagerplatz konzipiert und in der Folge mit hafenspezifischen Gebäuden bebaut wurde, entwickelte sich auf der nördlichen Insel eine Mischung aus Speicher-, Wohn- und Gewerbebauten.

Zu DDR-Zeiten wurde wenig in die Instandsetzung der baulichen Anlagen auf den Hafeninseln investiert, was einen zunehmenden Funktionsverlust und Verfall insbesondere der nördlichen Hafeninsel zur Folge hatte. Seit den 1960er Jahren war der Hafen zudem Sperrgebiet und bis 1990 für die Bevölkerung nicht zugänglich.

Die Altstadt von Stralsund (ca. 57.000 EW, 2010) wurde 1990 in das Programm für „Modellvorhaben der Stadterneuerung“ aufgenommen. Dabei war die Umnutzung der nördlichen Hafeninsel ein Schwerpunkt. Durch den Ausbau der südliche Hafeninsel und des Südhafen für den Warenumschlag entstand auf der nördlichen Hafeninsel einerseits ein Funktionsvakuum, andererseits stellten die Flächen ein enormes Entwicklungspotenzial für die Altstadt dar.

 

Projektbeschreibung

Bild: Abgeschlossene private Baumaßnahmen in Stralsund

Foto: Hansestadt Stralsund, Bauamt

Als die nördliche Hafeninsel 1992 zusammen mit der Altstadt als Sanierungsgebiet festgesetzt wurde, war das Entwicklungsziel für die Hafeninsel noch nicht definiert. Um alle Optionen offen zu halten, wurden die Flächen im Rahmenplan als Kerngebiet ausgewiesen. Anknüpfend an die Geschichte und Tradition der Seehandelsstadt sollte sich die nördliche Hafeninsel zu einem Schwerpunkt für maritim-touristische Angebote entwickeln.

Mitte der 1990er Jahre wurden zunächst die Kaianlagen und Brücken der nördlichen Hafeninsel restauriert. Investoren begannen, einzelne Gebäude zu sanieren und zu Gast- und Beherbergungsstätten, vereinzelt auch zu Wohnungen auszubauen.

Ein großer Entwicklungsschub zeichnete sich aber erst ab, als 1997 die Stiftung Deutsches Meeresmuseum, die bereits ein Museum in der Altstadt betrieb, einen Standort für den Bau eines zweiten meereskundlichen Museums suchte, dessen Schwerpunkt Ausstellungen zur Nord- und Ostsee sein sollten (Ozeaneum). In der Erwartung, dass ein zweiter Museumsstandort Pendelverkehr zwischen den beiden Standorten und so auch mehr Besucherströme in der Altstadt bedeutete, fasste die Stadt den Beschluss für einen Museumsneubau auf der nördlichen Hafeninsel.

Der Ankauf von Grundstücken und deren Neuordnung ermöglichte einen entsprechenden Standort für den Museumsneubau. Nach einem städtebaulichen Wettbewerb begann 2005 der Neubau des Ozeaneums. Das Museum bietet seit 2008 u. a. riesige Aquarien und eine multimediale Ausstellung. Parallel zum Museumsbau leitete die Stadt die Neugestaltung der Frei- und Verkehrsflächen auf der nördlichen Hafeninsel ein.

Bei der Revitalisierung der Hafeninsel war der Bau des Ozeaneums ein Meilenstein. Private Investoren haben seitdem weitere Bestandsgebäude saniert und zu Gastronomiebetrieben, Hotels oder Läden, vereinzelt auch zu Wohnungen umgenutzt. Die Ausweisung der Hafeninsel als Denkmalbereich ermöglicht der Stadt eine weitreichende Kontrolle und Regulierung bei Baumaßnahmen sowohl im Neubau als auch bei der Bestandserneuerung und -umnutzung. Durch den Erhalt der historischen Struktur und die denkmalgerechte Erneuerung vorhandener Bausubstanz, insbesondere der prägnanten Speichergebäude, ist viel vom ursprünglichen Charakter der Hafeninsel erhalten geblieben.

Nach wie vor ist die Hafeninsel als Hafenareal gewidmet. Sie ist Anlegeplatz für Kreuzfahrtschiffe und Kutter, Ausgangspunkt für Hafenrundfahrten, und sie bietet zahlreiche Liegeplätze für Sportboote. Auch die Gorch Fock als Museumsschiff hat ihren festen Platz am Kai der Hafeninsel.

 

Projektchronologie

Jahr Ereignis
1992 Sanierungsgebietsausweisung
1997 Beschluss für den Neubau des Ozeaneums
2000 Ausweisung der nördlichen und südlichen Hafeninsel als Denkmalbereich
2001-2002 Städtebaulicher Wettbewerb Ozeaneum
2005 Baubeginn Ozeaneum; Gestaltung der Freiflächen
2008 Eröffnung des Ozeaneums
Seit 2009 diverse Modernisierungs- und Baumaßnahmen
 

Ziele

  • Öffnung der Altstadt zum Wasser
  • Integration der nördlichen Hafeninsel in den Stadtzusammenhang
  • Schaffung von attraktiven, publikumswirksamen Angeboten
  • Erhalt der historischen Strukturen und der Stadtsilhouette
 

Maßnahmen

  • Sanierung der Kaianlagen
  • Grundstückserwerb und städtebauliche Neuordnung
  • Bau des Ozeaneums
  • Städtebauliche Sanierungsmaßnahme
  • Städtebaulicher Rahmenplan
  • Denkmalverordnung
  • Städtebaulicher Wettbewerb
  • Bebauungsplan
  • Gebäudemodernisierung
  • Neubau
 

Innovationen

Bild: Blick auf das Ozeaneum

Foto: Hansestadt Stralsund, Bauamt

Die Hansestadt Stralsund hat viel Geduld und einen langen Atem bewahrt, um Fehlentwicklungen zu vermeiden und ein passendes Konzept für den Ort zu entwickeln. Die langfristig angelegte Gesamtstrategie der Stadtsanierung hat entscheidend dazu beigetragen, dass sich die Stralsunder Altstadt zu einem vitalen Zentrum entwickeln konnte.

Das Ozeaneum ist gegenwärtig eines der meist besuchten Museen in Deutschland und für sein außergewöhnliches Konzept als Europäisches Museum des Jahres 2010 ausgezeichnet worden. Von den Besuchern der Hafeninsel und des Museums profitiert auch die Altstadt. Das „Knochenprinzip“ mit zwei Magneten, dem Meeresmuseum im Westen und dem Ozeaneum im Osten der Altstadt, bringt Besucher und neue Impulse ins Zentrum der Stadt.

 

Quellen

  • Integrierte Stadtquartiersentwicklung am Wasser auf der Homepage des BBSR >>weitere Informationen
  • Interview mit Ekkehard Wohlgemuth, Astrid Mattern, Bauamt, 06.08.2010
  • Stadtverordnung über die Ausweisung des Denkmalbereiches „Hafeninsel“ in Stralsund (Denkmalverordnung „Hafeninsel), VO 60.04, Hansestadt Stralsund, Der Oberbürgermeister (Hrsg.), 2000
 

Weiterführendes


Größere Kartenansicht

Den Projektstandort finden Sie auch unter PLZ: 18439 - Ort: Stralsund - Straße: Hafenstraße.

 

Akteure

  • Hansestadt Stralsund, Bauamt, Abt. Planung und Denkmalpflege, Ekkehard Wohlgemuth, Badenstraße 17, 18439 Stralsund, Tel.: 03831 252-624, Email: ewohlgemuth@stralsund.de
  • Stadterneuerungsgesellschaft Stralsund mbH, Deutsches Meeresmuseum Stralsund, Stralsunder Hafen- und Lagerhausgesellschaft
  • Conradi, Braum & Bockhorst, Berlin (Städtebaulicher Rahmenplan)
  • Behnisch & Partner, Stuttgart (Planung Ozeaneum)
  • Krafft-Wehberg, Berlin (Freiflächenplanung)
  • Ingenieurbüro Küchler, Stralsund (Straßen- und Freiflächenplanung)
 

Datensatz eingestellt am 27.07.2012 vom Bundesinstitut für Bau-, Stadt- und Raumforschung (BBSR) im Bundesamt für Bauwesen und Raumordnung (BBR).

Letzte Änderung: 02.05.2013