Werkstatt-Stadt
 

Leere Kirche wird lebendiges Nachbarschaftshaus für Alle

Düsseldorf-Hell-Ga „Zentrum für Familien und Generationen“

(Nordrhein-Westfalen)

Kontext

Der südliche Stadtbezirk Garath-Hellerhof mit ca. 25.000 Einwohnern ist im Rahmen der Stadterweiterung in den 1970er Jahren entstanden und weitgehend durch Großsiedlungsstrukturen dieser Zeit geprägt; es gibt aber auch Bereiche mit Einfamilienhausbebauung. Garath zeichnet sich durch einen hohen Anteil von Bevölkerungsgruppen mit geringem Einkommen und Migrationshintergrund, einen hohen Anteil älterer Menschen sowie kinderreicher Familien aus. Aus finanziellen Gründen wurde 2001 das Gemeindezentrum der evangelischen Kirche geschlossen und es entstand eine Lücke in der sozialen Infrastruktur.

 

Projektbeschreibung

Aus der Auseinandersetzung um die drohende Schließung der Kirche entstand eine Fraueninitiative, die sich für ein soziales Stadtteilzentrum einsetzte. Sie übernahm in eigener Regie die Räumlichkeiten des Gemeindezentrums. Der anfängliche Betrieb des Mütterzentrums basierte auf einem hohen Maß an freiwilligem bürgerschaftlichem Engagement. Im Laufe der Zeit erweiterte sich das Aufgabenfeld. Die offene inhaltliche Konzeption eröffnet Spielraum für Ideen und Projekte für alle Interessierte aus dem Stadtteil. Durch Raumbereitstellung und Beratung werden Nutzer beim Aufbau selbstorganisierter Aktivitäten unterstützt. Die darüber entwickelten Angebote reichen vom offenen Café mit Mittagstisch über einen Secondhandladen bis hin zur flexiblen Kinderbetreuung und Computerschulung.

Die Unterstützung von Familien in der Gründungsphase über Angebote wie Hebammenberatung, Kinderbetreuung u.ä. wurde zunächst als Kernangebot verstanden, dass die Nutzer in das Zentrum holt und bindet. Über die Zusammenarbeit mit Multiplikatoren, wie Migrantenvereinen oder dem „Zentrum 50 plus“ wurden weitere Gruppen gezielt angesprochen. Der offene Treffpunkt mit Café und Küche ist der zentrale Ort für generationenübergreifende Begegnung. Darüber hinaus werden gezielt verschiedene Projekte und Ausstattungselemente angeboten, die unterschiedliche Generationen ansprechen. Weiterhin bringen Feste und offene Veranstaltungen Menschen aller Altersgruppen und Kulturen zusammen.

Wichtige Erfolgsfaktoren des Projektes sind:

  • ein Vorstand, in dem sich sehr breite berufliche, kommunikative und soziale Kompetenzen vereinen,
  • ein Kern-Projektmanagement aus engagierten Frauen, die sich dem Projekt Vollzeit mit hoher Professionalität widmen,
  • die Ermutigung und Bindung von Ehrenamtlern durch Förderung von deren Kompetenzen und ein festes System der ideellen und auch materiellen Anerkennung freiwilliger Arbeit

Das Konzept „Projektmotor“ bildet die Basis des Stadteilzentrums Hell-Ga. Stadtteilbewohner werden darin unterstützt und begleitet, eigene Projektideen umzusetzen. Die Offenheit für Projektentwicklungsprozesse verbunden mit Neugier, Experimentierfreude und Organisationstalent des „Projektmotorteams“ prägen die erfolgreiche Umsetzung der Projektstrategie. Der „Projektmotor“ bietet erste Infrastrukturen, knüpft Netzwerke, hilft beim Organisieren und den ersten Umsetzungsschritten. Die Angebote und Projekte können als ehrenamtliche Initiative angelegt sein, sich über Kurseinnahmen weiter entwickeln und schließlich sogar Arbeitsplatzperspektiven bieten. Dabei funktionieren Teilprojekte projektintern auf eigenwirtschaftlicher Basis. Werden in diesen Projekten Überschüsse erwirtschaftet, werden diese in Form von Aufwandentschädigungen an die dort mitwirkenden Ehrenamtlichen weitergegeben. So wird zum einen selbstverantwortliches Handeln gefördert, zum anderen stellt die finanzielle Vergütung gerade für finanzschwache Bewohner einen großen Anreiz für die Mitarbeit dar.

Für die Weiterentwicklung des Stadtteilzentrums erhielt der Verein Hell-Ga eine Investitions- und eine betriebliche Anschubförderung des Landes NRW von insgesamt 720.000 Euro aus dem Landesprogramm „Initiative ergreifen“. Die erforderlichen 190.000 Euro Eigenanteil werden vom Verein über Spenden, Selbsthilfe sowie einen Zuschuss der Stadt Düsseldorf finanziert.

Hell-Ga bietet basiert auf dem Prinzip „Geben und Nehmen“. Wer ein Betreuungsangebot nicht bezahlen kann, kann die Gegenleistung durch Mitarbeit im Projekt – sei es in Form von Gartenarbeit, Unterstützung von Stadtteilfesten u. ä. – erbringen.

 

Projektchronologie

Jahr Ereignis
2001 Schließung der Kirche
2004 Gründung des Mütterzentrum Hell-Ga e. V.
2007 Start als ExWoSt-Modellvorhaben
2009 Übernahme der Nutzung weiterer Räume
2010 Ausbau und Gestaltung der Freiräume
 

Ziele

  • Umnutzung leer stehender Kirchenräume
  • Hilfe zu Selbsthilfe (Projektmotor)
  • Ermutigung persönliche Kompetenzen entwickeln
  • Freiräume für gemeinschaftliches Wirken
  • Kombination aus Ehrenamt und Belohnung
 

Maßnahmen

  • Selbstverwaltete Gemeinschaftseinrichtung mit Kinderbetreuung und Seniorentreff, u.a.
  • Cafe und Mittagstisch,
  • Stärkung der Identifikation mit dem Quartier,
  • Ausbau der lokalen Netzwerke,
  • gemeinsame Feste,
  • Internetpräsentation des Quartiers,
  • Musikschulangebote, Gesundheitsberatung, Sprachkurse und weitere Stadtteildienstleistungen.
 

Innovationen

Mit der stadtteilbezogenen Umnutzung eines aufgegebenen kirchlichen Gemeindezentrums zeigt das Projekt beispielhaft Lösungen dafür auf, wie bürgerschaftliche Initiativen erfolgreicher sein können als traditionelle Träger sozialer Infrastruktur. Unter Federführung engagierter Frauen erwuchs eine Öffentlich-Private-Partnerschaft über die neue eigenwirtschaftlich tragfähige, stadtteilbezogene soziale Dienstleistungsangebote aufgebaut wurden. Durch aktive Netzwerkarbeit übernimmt der Trägerverein zusätzlich Aufgaben eines Stadtteilmanagements. Diese mentale Grundhaltung eines „Graswurzelprojektes“ wurde durch zahlreiche kleine innovative Ansätze unterstützt, wie z.B. der Projektmotor, im Sinne von „Starthilfe zur Selbsthilfe“, ein Konzept zur Aktivierung von ehrenamtlicher Arbeit, ausgezeichnet von der Initiative „startsocial“. Ein völlig neu konzipiertes praxistaugliches elektronische Schließsystem, eröffnete neue Möglichkeiten der Zugangssteuerung und –kontrolle und damit vielfältige eigenverantwortlich und selbstorganisierte Nutzung der Raumangebote.

 

Quellen

  • BBSR Homepage zum ExWoSt-Forschungsfeld „Innovationen für familien- und altengerechte Stadtquartiere“, >> weitere Informationen
  • BMVBS / BBSR (Hrsg.): Stadtquartiere für Jung und Alt - eine Zukunftsaufgabe. Ergebnisse aus dem ExWoSt-Forschungsfeld "Innovationen für familien- und altengerechte Stadtquartiere". Werkstatt: Praxis Heft 71, Bonn 2011, >> weitere Informationen
  • BMVBS (Hrsg.): Stadtquartiere für Jung und Alt. Bilanz im Forschungsfeld "Innovationen für familien- und altengerechte Stadtquartiere", Berlin 2010 BMVBS / BBR (Hrsg.): Stadtquartiere für Jung und Alt, Bonn September 2007
 

Weiterführendes


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Den Projektstandort finden Sie auch unter PLZ: 40595 - Ort: Düsseldorf - Straße: Ricarda-Huch-Straße 3a.

 

Akteure

  • Hell-Ga e. V., Ricarda-Huch-Straße 3a, 40595 Düsseldorf, Tel.: 0211/ 6007336, Email: info@hell-ga.de, Web: http://www.hell-ga.de/
  • Evangelische Kirchengemeinde
  • LEG NRW
  • Vereine im Stadtteil (Sportvereine, Schützenverein etc.)
 

Datensatz eingestellt am 16.05.2012 vom Bundesinstitut für Bau-, Stadt- und Raumforschung (BBSR) im Bundesamt für Bauwesen und Raumordnung (BBR).

Letzte Änderung: 23.07.2013