Werkstatt-Stadt
 

Revitalisierung einer Stahlindustriebrache

Dortmund „PHOENIX See“

(Nordrhein-Westfalen)

Kontext

Bild: Luftbild des Stahlwerks in Betrieb

Quelle: PHOENIX See Entwicklungsgesellschaft

Die Umgebung des Stadtteils Hörde war vor der Industrialisierung durch Feuchtgebiete und Mühlenteiche in der Flussniederung der Emscher geprägt. Für den Bau des Stahlwerks wurde die Niederung jedoch bis zu 10 m hoch aufgeschüttet. Seitdem verlief die Emscher verrohrt unter dem Werksgelände im 3 km langen „Höschkanal“. Hörde selbst lag städtebaulich eingeschnürt zwischen den östlichen und westlichen Werksteilen. Es entwickelte sich unter der schwerindustriellen Prägung zu einem einkommensschwachen Stadtteil. Nach der Demontage des östlichen Stahlwerks lagen neben dem Stadtteilzentrum Hörde 96 ha Industriebrache. Dort entsteht nun ein neues Stadtquartier für Wohnen, Gewerbe und Erholung, während die bereits zuvor stillgelegte westliche Werksfläche zum Technologiepark „PhoenixWest“ entwickelt wird.

Das Ziel der Emscherrenaturierung und der für den Hochwasserschutz erforderliche Retentionsraum führten dazu, dass Wasser zum bestimmenden Element für die Entwicklung in Hörde wurde. Der neue PHOENIX See steht für einen Paradigmenwechsel im Selbstverständnis der Stadt Dortmund: „von Dreck auf schön“, d. h. von Stahlproduktion auf Zukunftstechnologien und Wohnen am See.

 

Projektbeschreibung

Bild: Luftbild des vom Stahlwerk befreiten Geländes

Quelle: PHOENIX See Entwicklungsgesellschaft

Die Stadt Dortmund (ca. 580.000 EW, Stand 2010) ist Initiator und Träger der städtebaulichen Entwicklung des Projektes PHOENIX See. Das Stadtplanungs- und Bauordnungsamt hat die städtebauliche Rahmenplanung auf der Grundlage einer Entwurfsvision des Architekten Norbert Kelzenberg erstellt. Die operative Durchführung des städtebaulichen Projektes hat die PHOENIX See Entwicklungsgesellschaft mbH (hundertprozentige Tochtergesellschaft der Dortmunder Stadtwerke AG) im Rahmen eines Geschäftsbesorgungsvertrages übernommen. Für Bau und Unterhalt der neuen Emschertrasse im Zuge der Gewässerrenaturierung ist die Emschergenossenschaft zuständig. Sie hat dafür die zugehörigen Flächen erworben. Im Auftrag der Stadt Dortmund wird die Genossenschaft auch die Gewässerbewirtschaftung des Sees übernehmen.

Die praktische Umsetzung dieses komplexen Stadtumbauvorhabens begann im Jahr 2004 mit der Demontage des Stahlwerkes. Beim folgenden Geländeumbau für den neuen See wurden ca. 2,8 Mio. m³ Bodenaushub für Landschaftsbauwerke und die Terrassierung der Hangkanten genutzt. So sind südlich und nördlich des Sees attraktive Wohnlagen entstanden. Am westlichen Ufer wird das bestehende Stadtteilzentrum Hörde durch einen Stadthafen und ein urbanes Mischgebiet erweitert.

Der See (Gesamtfassung ca. 600.000 m³) wird vorrangig durch Grundwasser sowie unbelastetes Regenwasser aus den neuen Baufeldern gespeist. Er ist planungsrechtlich als Talsperre entwickelt worden. Der See bietet ein zusätzliches Rückhaltevolumen von ca. 240.000 m³ und dient künftig als Retentionsraum für die wieder offengelegte Emscher. Um auch Starkwasserereignisse bewältigen zu können, wurden ein Wehr und eine Überlaufschwelle eingebaut. Am tiefsten Punkt des Sees befindet sich ein steuerbarer Wasserablass, um bei Bedarf das Wasser ablaufen lassen und den Grund reinigen zu können.

Die Emscher verläuft in einer eingedeichten Trasse ohne direkte Verbindung zum See. So werden die unterschiedlichen Ökosysteme von Fließ- und Stillgewässer getrennt, Sedimentation im See verhindert und der See nicht durch das potenziell nährstoffreiche Wasser der Emscher belastet. Der See bildet mit der renaturierten Emscher eine Gewässerlandschaft von 33 ha Größe, die als Verknüpfungsraum ein bedeutender Bestandteil des Emscher-Landschaftsparks ist.

Die Kosten für das Projekt belaufen sich ohne Grunderwerb auf etwa 168 Mio. Euro. Die Anlage des Sees und ein 50 m breiter Uferstreifen wurden aus dem Ökologieprogramm Emscher-Lippe (ÖPEL) gefördert. Die Emschergenossenschaft übernahm die Kostenanteile für den See, die durch den Bau des Retentionsraums entstanden wären und die Kosten für den Bau der neuen Emschertrasse. Die städtebaulichen Maßnahmen wurden durch das Landesprogramm zur Stadterneuerung gefördert.

Im Jahr 2012 verläuft die Emscher wieder über Tage. Der PHOENIX See ist geflutet und verfügt ausweislich der Monitoringergebnisse über gute Wasserqualität. Das Gewässer ist von einem 3,2 km langen Fuß- und Radweg umgeben und für die Freizeitnutzung geöffnet. Die öffentlichen Infrastrukturmaßnahmen wie Spielplätze, Wege, Grünflächen und Plätze sind angelegt. Im Hörder Zentrum sind die ersten Büroneubauten in Benutzung. Zahlreiche Wohnungsbaugrundstücke sind verkauft, etliche Wohngebäude im Bau, und die ersten Wohnhäuser sind bezogen.

 

Projektchronologie

Bild: städtebaulicher Rahmenplan 2009

Plan: Stadtplanungs- und Bauordnungsamt Stadt Dortmund

Jahr Ereignis
1999-2000 Entwurfsvision PHOENIX See und Rahmenplanung
2000 Grundsatzbeschluss des Stadtrates zum Stadtentwicklungskonzept
2001 Schließung des Stahlwerks; Gründung der Phoenix Ost Entwicklungsgesellschaft; Flächenankauf; Bebauungsplan für nördliche Wohnbaufelder
2003 Aufstellungsbeschluss für weitere Bebauungspläne
2004 Demontage des Stahlwerkes
2005 Planfeststellungsbeschluss Phoenix-See
2007 Planfeststellungsbeschluss Emschertrasse
2010 Beginn der Seeflutung und des Grundstücksverkaufs
2011 Abschluss der öffentlichen Infrastrukturmaßnahmen und der Flutung; erste Hochbauten
2012 erste Wohnungsbezüge und Start der Freizeitnutzung auf dem See
 

Ziele

Bild: Vision des PHOENIX Sees

Quelle: PHOENIX See Entwicklungsgesellschaft

  • Stabilisierung und Stärkung des Stadtteils Hörde
  • Städtebauliche Erweiterung des Hörder Zentrums
  • Anbindung des Stadtteilzentrums an den See
  • Entwicklung eines Kerngebiets für Dienstleistung, Einzelhandel, Freizeit, Gastronomie, Kultur
  • Schaffung attraktiver Wohnlagen am Wasser
  • Hochwasserschutz durch Schaffung von Regenrückhalteraum
  • Renaturierung von Emscher und Hörder Bach
 

Maßnahmen

Bild: Südhang, Baustelle mit terrassierten Baufeldern, eingedeichter Emscher-Trasse und See

Foto: bgmr Landschaftsarchitekten

  • Städtebaulicher Rahmenplan, Planfeststellungsverfahren, Bebauungspläne
  • Gestaltungsleitlinien für den Wohnungsbau als Bestandteil der Grundstückskaufverträge
  • Neuanlage des Sees
  • Phosphat-Eliminierungsanlage und Bodenfilter im See
  • Gemeindegebrauchsverordnung für die Seenutzung (u. a. Bade- und Fischereiverbot)
  • Fischereihegeplan
  • Qualitätsmonitoring des ein- und ausströmenden Wassers
  • Worst-Case-Vorsorge: Möglichkeit zur Seeleerung über einen Mönch und Seesohlenabtrag
  • Erweiterung eines regionalen Grünzugs des Emscher-Landschaftsparks
  • Offenlegung und naturnahe Gestaltung der Emscher
  • Errichtung von Hafenbecken und Hafenplatz
  • Erneuerung und Neubau öffentlicher Wege, Plätze, Grünräume
  • Wohnungsneubau (ca. 1.000 WE)
  • Neubauen für Büro, Dienstleistung, Handel, Bildung und Kultur
 

Innovationen

Bild: Blick auf den See mit Fuß- und Radweg

Quelle: PHOENIX See Entwicklungsgesellschaft

Das Projekt ist ein Beispiel für das synergetische Zusammenwirken von Wasser-, Landschafts- und Städtebau. Dadurch wird eine Mehrfachüberlagerung unterschiedlicher Nutzungsansprüche möglich, die in der Gesamtheit eine hohe Qualität erreichen. Die Voraussetzungen für ein verträgliches Miteinander von städtebaulicher Nutzung, Erholung, Landschaft, Wassergüte, Flora und Fauna wurden entscheidend verbessert. Der PHOENIX See ist deutliches Zeichen der Umcodierung vom Industriestandort zu einem neuen Stadtquartier, das auch Wohnen und Erholung bietet und zugleich das bestehende Stadtteilzentrum und den Naturraum stärkt. Der PHOENIX See ist Freizeitsee, Imagefaktor und Talsperre in einem.

 

Quellen

  • Interviews am 03.09.2010 mit Olaf Greve, stellvertretender Leiter Abt. Städtebauplanung, Norbert Kelzenberg, Abt. Städtebauplanung, Michael Lenkeit, Wirtschaftsförderung Dortmund, Frank David, Tiefbauamt
  • Gestaltleitlinien für die Wohnbebauung am PHOENIX See, Leitfaden Wohnen am Südhang. PHOENIX See Entwicklungsgesellschaft mbH, Stadt Dortmund, pesch partner architekten stadtplaner, Mai 2010
  • Integrierte Stadtquartiersentwicklung am Wasser auf der Homepage des BBSR >>weitere Informationen
 

Weiterführendes


Größere Kartenansicht

Den Projektstandort finden Sie auch unter PLZ: 44263 - Ort: Dortmund - Straße: Hermannstraße.

 

Akteure

 

Datensatz eingestellt am 04.04.2012 vom Bundesinstitut für Bau-, Stadt- und Raumforschung (BBSR) im Bundesamt für Bauwesen und Raumordnung (BBR).

Letzte Änderung: 04.06.2013