Projekt aus der Datenbank Werkstatt-Stadt
Neue Nutzungen in alten Ladenlokalen
(Nordrhein-Westfalen)

Quelle: Thomas Weyland
Die Stadt Wuppertal ist besonders von den Folgen des wirtschaftlichen und demografischen Strukturwandels betroffen: Zu den wirtschaftlichen und demografischen Veränderungen kommen insbesondere die Auswirkungen auf den Einzelhandel hinzu, die das Stadtbild in einigen Quartieren negativ beeinflussen.
Die Zahl inhabergeführter Geschäfte geht u. a. infolge der Alterung von Inhabern und fehlenden Nachfolgern zurück, Filialisierung und Banalisierung des Warenangebotes sind ebenso Folgen wie Leerstände, die sich zudem aus der Konkurrenz großer Einkaufszentren am Stadtrand ergeben. Eine Konzentration von Geschäftsleerständen ist vor allem in gründerzeitlich geprägten Quartieren zu beobachten. In den fünf Wuppertaler Stadtteilen Arrenberg, Elberfelder Nordstadt, Ostersbaum, Unterbarmen und Oberbarmen/Wichlinghausen wurden zusammen 342 leer stehende Ladenlokale gezählt, was zu erheblichen städtebaulichen Defiziten und Funktionsverlusten und letztlich zu einer typischen Abwärtsspirale in diesen Lagen geführt hat: Städtebauliche Defizite bedingten eine mangelnde Nachfrage und teilweise Tendenzen sozialer Segregation, was u. a. zu Verunsicherungen bei den Eigentümern führte. Erforderliche Investitionen in den Gebäudebestand unterblieben oftmals, so dass die Quartiere weiter an Attraktivität verloren und weitere Geschäfte geschlossen wurden, was wiederum weitere städtebauliche Defizite verursacht.
Vor diesem Hintergrund wurden in den benannten Stadtteilen Maßnahmen im Rahmen der Städtebauförderungsprogramme „Die Soziale Stadt“ oder „Stadtumbau West“ gefördert. Mit einem Wettbewerb für Schaufenstergestaltungen (2003) und im Rahmen der REGIONALE 2006 wurden bereits erste Maßnahmen zum Umgang mit den leer stehenden Ladenlokalen erprobt. Auch im Städtebaulichen Entwicklungskonzept Wuppertal wird das Thema aufgegriffen und dem Instrument Zwischennutzung eine hohe Bedeutung für die Wiederbelebung der von Leerstand betroffenen Lagen zugemessen.
Im Frühjahr 2007 wurde dann die Zwischennutzungsagentur Wuppertal ins Leben gerufen und bis Mitte 2010 aus Stadtumbau West- und Soziale Stadt-Mitteln gefördert. Ziel des Projektes war die Verringerung der Zahl leer stehender Ladenlokale, und die Entwicklung neuer Angebote und Attraktivitäten, um damit die Quartiere wieder aufzuwerten.

Quelle: Thomas Weyland
Mit der Zwischennutzungsagentur Wuppertal wurde eine zentrale Anlaufstelle eingerichtet, deren Arbeit sich aus verschiedenen Schwerpunkten zusammensetzte: Zunächst mussten die Gebäudebestände erhoben, Eigentümer ermittelt und angesprochen sowie potenzielle Zwischennutzer gesucht werden. Parallel begann die Zwischennutzungsagentur mit ihrer hauptsächlichen Tätigkeit, der Beratung und Unterstützung von Eigentümern und Zwischennutzern und schließlich der Vermittlung von Räumlichkeiten.
Die Kontaktaufnahme und Ansprache der Eigentümer erwies sich als sehr aufwändig, da die Eigentümerstruktur in den Stadtteilen – typisch für gründerzeitlich geprägte Quartiere – sehr kleinteilig und heterogen ist. Zudem stellten teilweise sprachliche Barrieren oder mangelndes Interesse insbesondere auswärtig lebender Eigentümer weitere Hürden bei der Kontaktaufnahme dar. Daher beschränkte sich die Zwischennutzungsagentur auf die Eigentümer, an deren Ladenlokal ein konkretes Nutzungsinteresse bestand. Von diesen konnte immerhin die Hälfte nach Eigentumsverhältnissen, Daten zur Immobilie, Gründen für den Leerstand, Bedarf an Hilfestellungen und nach dem Interesse an einer Zwischennutzung befragt werden. Im Ergebnis der Eigentümerbefragung stellte sich heraus, dass die größten Hindernisse für eine Wiedervermietung leer stehender Ladenlokale unrealistische Mietpreisvorstellungen, mangelnde Investitionsbereitschaft und baurechtliche Hürden waren. Letztere ergeben sich u. a. aus der Tatsache, dass Nutzungsänderungen oft Bauanträge bedürfen, für die Unterlagen beigebracht werden müssen und Gebühren anfallen können. Die Nachfrage nach geeigneten Räumlichkeiten für Zwischennutzungen ging hauptsächlich von Künstlern und Kulturschaffenden einerseits sowie von Vereinen und Dienstleistern andererseits aus. Bei den Dienstleistern handelte es sich in erster Linie um soziale Träger, aber auch um gewerblich tätige wie Architektur- oder Grafikbüros sowie Existenzgründer.
Aus den Erhebungen der Zwischennutzungsagentur entstand u. a. eine Leerstandsdatenbank und eine Interessentenliste. Beides floss in eine kartografische Darstellung ein, so dass auf Ebene von Mikrostandorten der Projektfortschritt in unterschiedlichen Kategorien (Laden zwischengenutzt, vermietet, nicht nutzbar, begonnene Verhandlungen zu Zwischennutzung, Eigentümer unbekannt bzw. kein Kontakt hergestellt) visualisiert werden konnte.
Öffentlichkeits- und Vernetzungsarbeit waren weitere wesentliche Bausteine der Arbeit der Zwischennutzungsagentur Wuppertal. Dies geschah mittels Pressearbeit, über ein Corporate Design, über Auftritte der Zwischennutzungsagentur bei Stadtteilkonferenzen, Bürgervereinen, in der Kulturszene etc. sowie über öffentlichkeitswirksame Aktionen und Projekte. So entstand ein Netzwerk unterschiedlicher Akteure aus Verwaltung, Bürgern, potenziellen Zwischennutzern und Eigentümern, das u. a. über Informationen aus Newslettern und einer Internetseite zusammengehalten wurde. Für die Aktivierung dieser Akteure wurden unterschiedliche Herangehensweisen gewählt, die auf die Gegebenheiten in den einzelnen Stadtteilen eingingen, je nachdem, ob beispielsweise auf eingespielte Beteiligungsstrukturen zurückgegriffen werden konnte oder wie ausgeprägt das Interesse war.
Beratungsbedarf gab es auf Seiten der Eigentümer hinsichtlich der realistischen Einschätzung der immobilienwirtschaftlichen Rahmenbedingungen in Wuppertal, hinsichtlich des Mehrwerts von Zwischennutzung für Eigentümer, zu möglichen Förderungen für Investitionen und insbesondere bezüglich rechtlicher Fragestellungen. Bei der Nutzerberatung ging es meist um die Eignung von Objekten (Lage, Größe, Zustand etc.), um die Vermittlung weiterer Beratungsangebote (z. B. Existenzgründerhilfen) oder um die gemeinsame Planung und rechtliche Absicherung von Projekten und Aktionen.
Bis Ende 2009 wurden 195 Beratungsgespräche mit Eigentümern und 467 mit Nutzungsinteressierten geführt und insgesamt 76 Nutzungen vermittelt. 70% der vermittelten Nutzungen waren temporär (darunter auch gut 20% Event-Nutzungen), die restlichen haben sich zu Dauernutzungen entwickelt. Bei der Art der Nutzung dominierten Ausstellungen (44%) vor sozialen und gewerblichen Dienstleistungen (zusammen 26%). Bei rund einem Viertel der Vermittlungen wurde nur das Schaufenster als Nutzungsfläche beansprucht.
| Jahr | Ereignis |
|---|---|
| 1998 | Aufnahme eines ersten Stadtteils (Ostersbaum) in das Programm „Soziale Stadt NRW“ |
| 2003 | Wettbewerb für temporäre Schaufenstergestaltung in drei Ladenlokalen |
| 2004 | Aufnahme einer ersten Maßnahme (Talachse) in das Programm „Stadtumbau West“ |
| 2006 | Studie „Neue Konzepte für leerstehende Ladenlokale“ im Rahmen der Regionale 2006 |
| 2007 | Einrichtung der Zwischennutzungsagentur Wuppertal im Frühjahr |
| 2008 | Erscheinen des ersten Newsletters der Zwischennutzungsagentur |
| 2009 | Gründung des Vereins „Aufbruch am Arrenberg e.V.“ (angeregt durch die Maßnahme „Der Arrenberg is(s)t“, s. u.) |
| 2010 | Erscheinen des Handbuchs „Den Leerstand nutzen – Erfahrungen mit der Zwischennutzung von Ladenlokalen in Wuppertal |
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Quelle: Bettina Osswald, www.photographie-oswald.de

Quelle: Kolja Kunstreich

Quelle: Patricia Eichert
Die Zwischennutzungsagentur Wuppertal hat ihre Aktivitäten auf leer stehende Ladenlokale in fünf gründerzeitlich geprägten Stadtteilen und damit auf eine bestimmte Gebietskulisse konzentriert. Diese räumliche Konzentration hat in Verbindung mit gezielten Ansprachen von Zwischennutzern und Eigentümern zum einen die Erhebung eines nahezu kompletten Bestandes (an Ladenlokalen) ermöglicht und zum anderen eine außergewöhnliche inhaltliche Tiefe bei Projektbegleitung und -auswertung hervorgebracht. Dies schlägt sich u. a. im 2010 veröffentlichten Handbuch der Zwischennutzungsagentur nieder, wo von nutzerspezifischen Bedürfnissen und Hindernissen über rechtliche Lösungsvorschläge bis hin zu Aktivierungsstrategien eine sehr systematische und umfassende Dokumentation erfolgt, eingeordnet in projektübergreifende Forschungsergebnisse zum Thema Zwischennutzungen.
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Den Projektstandort finden Sie auch unter PLZ: 42105 - Ort: Wuppertal - Straße: Zimmerstraße 40.
Datensatz eingestellt am 28.06.2011 vom Bundesinstitut für Bau-, Stadt- und Raumforschung (BBSR) im Bundesamt für Bauwesen und Raumordnung (BBR), zuletzt geändert 04.07.2011
gedruckt am: Montag, 21. Mai 2012
Werkstatt-Stadt Link: <http://werkstatt-stadt.de/de/projekte/228/>