Werkstatt-Stadt
 

Jugendliche gestalten Brachfläche zu Jugendsportpark um

Berlin-Treptow-Köpenick „MellowparkCampus“

(Berlin)

Kontext

Bild: Jugendliche bei Gestaltungsarbeiten für einen neuen Treffpunkt innerhalb des Parkgeländes

Quelle: Janine Graubaum

Der „Mellowpark“ entstand durch eine Initiative von Jugendlichen, die sich ab 2001 ein 1,5 ha großes, brachliegendes Industriegelände in Berlin-Köpenick aneigneten und zu einem Jugendsportpark entwickelten. In der Anfangsphase erprobten die Jugendlichen das Gelände auf spielerische Art und Weise. Im Laufe der Zeit gestalteten sie das Gelände um und statteten es mit verschiedenen Freizeitangeboten und Sportanlagen aus. Sehr schnell entwickelte sich der Ort zu einem Knotenpunkt für Jugendkultur und Sport, dessen Bekanntheit weit über die Grenzen von Berlin hinaus reichte.

Da die Fläche jedoch mit Wohnungen bebaut werden sollte, mussten sich die Mellowparkakteure ab 2008 um eine Ersatzfläche bemühen. Daraufhin erhielt der Trägerverein all eins e.V. vom Bezirk Köpenick das Angebot, ein ca. 6 ha großes, aufgegebenes Sportgelände „An der Wulheide“ für den Jugendsportpark zu nutzen. Die Fläche liegt in der Nachbarschaft des alten Geländes und wurde zwischenzeitlich als Autostellplatz genutzt. Die Fläche mit großen Grünflächen und verfallenen Gebäuden war in einem vernachlässigten Zustand.

Vor diesem Hintergrund bestand eine Planungsaufgabe, die an den konkreten Bedürfnissen Jugendlicher ansetzt. Die zentrale Herausforderung lag darin, erfolgreiche Strukturen (Netzwerke, bauliche (Sport-)Anlagen und Sponsoren) vom alten auf den neuen Standort zu übertragen sowie die Jugendlichen in die Entwicklung des zukünftigen Standorts einzubeziehen.

 

Projektbeschreibung

Bild: BMX-Fahrer beim Sprung über eine neu gestaltete Rampe

Quelle: All Eins e.V.

Das Projekt „MellowparkCampus“ wurde im Jahr 2009 vom Verein all eins e.V. initiiert und zum Instrument entwickelt, eine Brachfläche in einen Jugendsportpark umzugestalten. Übergeordnete Zielsetzung war es, bestehende Sporteinrichtungen vom ehemaligen Gelände des „Mellowparks“ umzusiedeln, ein Konzept zur Geländeaneignung zu entwickeln und gleichzeitig Ideen zur Neu- und Umgestaltung des 6 ha großen Areals zu erarbeiten. Dieser Prozess sollte durch Anwendung flexibler und dynamischer Beteiligungsformate von statten gehen und möglichst viele Vereinsmitglieder und Nutzer des „Mellowparks“ einbeziehen.

Da das neue Grundstück mehr als vier Mal so groß als die alte Fläche war, gab es viel Spielraum für neue Ideen und Visionen, die in intensiver Arbeit mit den Jugendlichen und all eins e.V. erarbeitet werden sollten. Das Konzept des „MellowparkCampus“ beinhaltete ein zweiwöchiges Ausprobieren und Leben vor Ort: In dieser Zeit entstand eine Grundinfrastruktur und temporäre BMX- und Skateanlagen. Zugleich ging es um den Versuch, Denken und Handeln, Theorie und Praxis miteinander zu verknüpfen.

Das Projekt „MellowparkCampus“ erreichte mehrere Ziele: Die Jugendlichen identifizieren sich mit dem neuen Standort und ein Generationenwechsel der engagierten Jugendlichen wurde möglich. Weiterhin konnte bei Eltern, Unterstützern und Anliegern des neuen Geländes für den „Mellowpark“ geworben werden. Kritische Nachbarn wurden persönlich aufgesucht, über Hintergrund und Ziele des Projektes aufgeklärt, um etwaige Nachbarschaftsstreitigkeiten von vornherein zu vermeiden. So konnte die Basis der Sympathisanten und Unterstützer am neuen Standort erweitert werden. Eine zweitätige Zukunftswerkstatt der erwachsenen Nutzer und Akteure des „Mellowparks“ beschäftigte sich mit den zukünftigen Entwicklungsoptionen des Parks in inhaltlicher, baulich-räumlicher und organisatorischer Hinsicht.

Aus dem Beteiligungsprozess entstand ein dynamischer Masterplan, der Flächen für Skateanlagen, Dirtbikestrecken und andere Sportarten vorsah. Dieser Masterplan hatte den Ansatz, alle relevanten Beteiligten einzubeziehen und unterschiedliche Entwicklungsoptionen aufzuzeigen. Er bildete die Grundlage für die Ausformulierung planungsrechtlicher Rahmenbedingungen. Das Bestandsgebäude auf dem Gelände sollte sukzessive zu einem Jugendtreff mit Tonstudio und einer Siebdruckwerkstatt umgebaut werden. Neben den baulichen Maßnahmen war beabsichtigt, den „Mellowpark“ auch zu einer Ausbildungsstätte für verschiedene Ausbildungsberufe zu entwickeln. Um das neue Areal unter den Berliner Jugendlichen bekannt zu machen wurde bereits 2009 ein Feriencamp eingerichtet. Auf dem Gelände konnten neue Sportarten erprobt und in Zelten übernachtet werden.

Mit dem Umzug auf das neue Gelände trafen formelle und informelle Entwicklungsansätze aufeinander. Während die Akteure des „Mellowparks“ auf eine unmittelbare Aktivierung und sukzessive Eroberung des Geländes setzten, fokussierte die Bezirksverwaltung zunächst auf Klärung der planungsrechtlichen Rahmenbedingungen, um den Park an seinem neuen Standort zu etablieren und abzusichern. Vorrangiges Ziel war nun eine prozessorientierte Planung, die die bau- und planungsrechtlichen Rahmenbedingungen ebenso wie die Dynamik und Flexibilität des „Mellowparks“ und dessen jugendlichen Nutzer berücksichtigt.

Durch das Beteiligungsprojekt entstand zusammen mit den Jugendlichen das konzeptionelle Fundament für die langfristige Entwicklung auf dem neuen Gelände. Es wurde möglich, die zukünftigen Orte der Sportnutzung zu erkunden und zu erproben. Durch die sukzessive Aneignung des großen Areals ist es möglich, auf unvorhergesehene Entwicklungen adäquat zu reagieren und zu einer dynamischen und flexiblen Planung zu gelangen.

 

Projektchronologie

Jahr Ereignis
1999 Konzeptentwicklung „Mellowpark“
1999 Preis beim Landeswettbewerb „Jugend entwickelt das neue Berlin“
2001 Entwicklung des ersten „Mellowpark“-Geländes durch ehernamtliche Jugendliche
2001 Mietvertrag zwischen Jugendverein und Eigentümer
2008 Deutsche Meisterschaft im BMX-Freestyle auf dem Mellowparkgelände
2008 Kündigung des Mietvertrags
2009 Verhandlungen mit dem Bezirk Berlin-Köpenick über Ersatzfläche „An der Wulheide“
2009 Auswahl als Modellvorhaben „Jugendliche im Stadtquartier“ im Bundesforschungsprogramm „Experimenteller Wohnungs- und Städtebau“
2010 Umzug des „Mellowparks“ auf die neue Fläche
 

Ziele

Bild: Blick auf den Gestaltungsplan

Quelle: All Eins e.V.

  • Umgestaltung einer Brachfläche zu einem Jugendsportpark von Jugendlichen für Jugendliche
  • Erhalt vorhandener Strukturen und Netzwerke
  • Rechtliche Absicherung der Nutzung
  • Beteiligung möglichst vieler Jugendlicher an Planung und Umgestaltung
  • Gleichberechtigte Arbeitsweise ohne Hierarchien
  • Etablierung von Feriencamps
  • Vergrößerung des Bekanntheitsgrad des Jugendparks
 

Maßnahmen

Bild: Jugendliche bei der Gestaltung eines Schriftzugs zum Mellowpark

Quelle: Janine Graubaum

  • Aktivierende und flexible Beteiligungsformate
  • Zukunftswerkstätten
  • Masterplan
  • Aktive Ansprache und Einbeziehung von Nachbarn
  • Sukzessive Vorgehensweise, um flexibel reagieren zu können
  • Bildung eines Sportvereins
  • Ehrenamtliche Arbeit durch Jugendliche
  • Umnutzung bestehender Gebäude zu Jugendtreff und Jugendausbildungszentrum
  • Umbaumaßnahmen in Eigenarbeit
  • Wiederverwendung von Abbruchmaterialien
  • Diverse Gutachten zur Erlangung einer Baugenehmigung
 

Innovationen

Bild: Gruppenbild von Jugendlichen vor einem Plan zur Neukonzeption des Skaterparks

Quelle: David Ulrich

Die Innovation des Projektes besteht darin, dass die Jugendlichen Aneignung und Nutzung des Geländes selber geplant und sukzessive umgesetzt haben. Der „MellowparkCampus“ ist somit Beispiel für erfolgreiche Stadtentwicklung durch Jugendliche. Die Umnutzung des Geländes „An der Wulheide“ zeigt, dass Brachflächen für Jugendliche vielfältige Möglichkeiten zur Raumaneignung bieten. Zugleich haben Brachflächen großes Potenzial für Jugendliche, sich ungestört entfalten zu können.

Das Projekt repräsentiert einen Bottom-up-Prozess, der sich durch großen Einsatz ehrenamtlicher Arbeit und Eigenbauleistungen ständig weiterentwickelt. Dieser Ansatz entspricht in besonderer Weise der Lebenswelt von Jugendlichen: Da sie sich in einer Orientierungsphase befinden, die durch Schnelligkeit, Unsicherheit und Experimentierfreudigkeit gekennzeichnet ist, verändern Jugendliche ihre Aktionsäume ständig. Durch gezielte Mitwirkung von Jugendlichen an der Gestaltung ihrer Lebenswelt und gelebte „Jugendkultur“ wie im „MellowparkCampus“-Projekt können Konflikte in öffentlichen Räumen überwunden und neue Ausgleichschancen eröffnet werden.

Das Projekt ergibt wichtige Erkenntnisse in Bezug auf prozessorientierte sowie planungsrechtliche Erfordernisse bei (zunächst) temporären Nutzungen. Diese Anforderungen wurden durch eine flexible und dynamische Planung bewältigt.

 

Weiterführendes

  • BMVBS Sonderpublikation „Jugend macht Stadt“ (2010), S. 72-74, >> weitere Informationen
  • Werkstatt:Praxis, Heft 57 „Zwischennutzung und Nischen im Städtebau als Beitrag für eine nachhaltige Stadtentwicklung“ (2008), S. 14-15, >> weitere Informationen


Größere Kartenansicht

Den Projektstandort finden Sie auch unter PLZ: 12555 - Ort: Berlin - Straße: An der Wuhlheide 256.

 

Akteure

 

Datensatz eingestellt am 06.06.2011 vom Bundesinstitut für Bau-, Stadt- und Raumforschung (BBSR) im Bundesamt für Bauwesen und Raumordnung (BBR).

Letzte Änderung: 10.08.2011