Projekt aus der Datenbank Werkstatt-Stadt
Soziale Dienstleistungen für ältere Menschen im Gebäudebestand
(Bayern)

Quelle: Stadt Selb
Die Stadtentwicklung in Selb ist eng mit der Porzellanindustrie verbunden. Die Absatzkrise der keramischen Industrie Mitte der 1990er Jahre hatte einen erheblichen Rückgang der Beschäftigten zur Folge und führte zu hohen Einwohnerverlusten. Die Einwohnerzahl reduzierte sich in den letzten drei Jahrzehnten von 24.000 auf gegenwärtig ca. 16.500 (2008). Die Arbeitslosigkeit liegt bei ca. 12 % und die Bevölkerung ist überdurchschnittlich alt. Ein Viertel der Einwohner ist über 65 Jahre alt. Bis zum Jahr 2010 wird insbesondere für die Altersgruppen der 65- bis 80jährigen eine stetige Zunahme prognostiziert. Daher rechnet die Stadt mit einem steigenden Bedarf an gesundheits- und pflegebezogenen Dienstleistungen. Gleichzeitig führten die Einwohnerverluste zu Leerständen im großen Mietwohnungsbestand der Stadt. Die Bewältigungsstrategie der Stadt Selb setzt wegen einer zu erwartenden veränderten Nachfrage, insbesondere durch die wachsende Zahl älterer Menschen, auf die Entwicklung von Anpassungskonzepten des Wohnungsangebotes an ein Ausbau sozialer Dienstleistungen.

Quelle: FORUM GmbH
Die Stadt Selb hat ein Konzept für den Auf- bzw. Ausbau eines Gesundheits- und Pflegenetzwerk mit zentralen fachlichen Einrichtungen entwickelt. Damit stellt sie sich den Herausforderungen des wirtschaftlichen Strukturwandels und den durch demographische Veränderungen verursachten Schrumpfungsprozesses. Fragen zur Auslastung und Wirtschaftlichkeit vorhandener Einrichtungen, zur Personalsituation, zur Zusammenarbeit der Dienstleister, zum zukünftigen Bedarf sowie Problemen und guten Erfahrungen wurden erörtert und geklärt. Eine zentrale Rolle in den Diskussionen um die Optimierung der Pflegesituation spielte die Neunutzung von leer stehenden Gebäuden für Gruppen mit spezifischem Wohnbedarf.
Kern des Netzwerkes ist eine zentrale Beratungsstelle, die Informationsangebote rund um die Pflege alter Menschen schafft. Sie verfügt über eine Datenbank aller Anbieter in Stadt und Region, koordiniert Aktivitäten, vernetzt die angebotene Versorgung und vermittelt Hilfsleistungen. Selbst kleine Dienstleistungen wie die Hilfen beim Einkauf, bei der Wäsche oder der Wohnungsreinigung, werden dort vermittelt. In den Stadtbezirken Vorwerk und Selb-Ost wurden im Verbund mit der geplanten Kontaktstelle in der Innenstadt sogenannte Pflegestützpunkte eingerichtet. Hier arbeiten und unterstützen professionelle Kräfte und ehrenamtliche Helfer ältere und pflegebedürftige Menschen. So können auch in den weniger zentralen Stadtteilen hilfsbedürftige ältere Menschen persönlich betreut werden.
Die Einrichtungen des Netzwerks wurden nach den Zielen der Stadt vorrangig in leer stehenden Gebäuden untergebracht. So wurden soziale und städtebauliche Herausforderungen verknüpft. Ein erster Pflegestützpunkt konnte bereits 2007 im Stadtteil Vorwerk in einem sanierten und umgebauten Wohngebäude der 1950er Jahre eingerichtet werden. Die neu geschaffene Einrichtung beinhaltet das Angebot der Tagespflege mit einem Schwerpunkt auf dem Demenzbereich. Neben dem Pflegestützpunkt wurden durch den Umbau eines Wohngebäudes acht barrierefreie Wohnungen eingerichtet. Die Maßnahme konnte durch die intensive Kooperation der Stadt mit einem Wohlfahrtsverband zügig umgesetzt werden. Die Stadt Selb schuf die baulichen Voraussetzungen für den Pflegestützpunkt. Das Bayerische Rote Kreuz hatte schon frühzeitig konkrete Vorschläge zur Ausgestaltung und Organisation der Einrichtung und zur Trägerschaft vorgelegt. So wurde ein Raumprogramm erarbeitet, das diese Vorschläge bereits in der Planungsphase berücksichtigen konnte.
Das Gesundheits- und Pflegenetzwerk war ein Impulsprojekt der Stadt Selb im Rahmen ihrer Teilnahme am Experimentellen Wohnungs- und Städtebau-Forschungsfeld (ExWoSt) Stadtumbau West in den Jahren 2002 bis 2007.
| Jahr | Ereignis |
|---|---|
| 2002 | Aufnahme in das ExWoSt-Forschungsfeld Stadtumbau West |
| 2003 | Erarbeitung des integrierten Stadtentwicklungskonzeptes |
| 2004 | Erstellung des Konzepts und des Rahmenplans für das Gesundheits- und Pflegenetzwerk in zwei Werkstätten |
| 2005 | Beginn der Konzeptumsetzung |
| 2007 | Fertigstellung erster Bausteine des Netzwerks |
| seit 2008 | Umsetzung weiterer Elemente |

Quelle: FORUM GmbH

Quelle: FORUM GmbH

Quelle: FORUM GmbH
Im Rahmen des Gesundheits- und Pflegenetzwerks für alte Menschen sind soziale und städtebauliche Aufgaben auf intelligente Weise miteinander verknüpft worden: Gebäudeleerstand und Verortung von sozialen Dienstleistungen wurden miteinander verknüpft. Dazu hat in besonderem Maße die intensive Zusammenarbeit der Fachämter „Soziales“ und „Stadtplanung“ beigetragen. Das Netzwerk besteht aus einer Kontaktstelle und den vorhandenen stationären und ambulanten Einrichtungen. Es verknüpft seine Dienste mit neuen zielgruppenspezifischen Wohnangeboten. Dadurch wird das Pflegeangebot in Stadt und Landkreis optimiert und gleichzeitig innerstädtisches Wohnen gefördert. Für leer stehende Gebäude konnten neue Nutzungen gefunden werden. Da das Netzwerk kreisweit organisiert ist und neben den Angeboten der Stadt auch die Einrichtungen der Region einbezogen sind, wird zudem die Vernetzung zwischen Stadt und Region gezielt unterstützt. Die angebotenen Dienstleistungen des Pflegstützpunktes wurden von Beginn an gut angenommen und bei den neu geschaffenen Wohnungen bestand von Anfang an Vollvermietung.
Hier erscheint der Projektstandort direkt in Google-Maps. Projekt in Google-Maps
Den Projektstandort finden Sie auch unter PLZ: 95100 - Ort: Selb - Straße: Vorwerkstraße 44.
Datensatz eingestellt am 14.12.2009 vom Bundesinstitut für Bau-, Stadt- und Raumforschung (BBSR) im Bundesamt für Bauwesen und Raumordnung (BBR), zuletzt geändert 14.12.2009
gedruckt am: Samstag, 31. Juli 2010
Werkstatt-Stadt Link: <http://werkstatt-stadt.de/de/projekte/208/>