Projekt aus der Datenbank Werkstatt-Stadt


Ländliches Experiment im „Plattenbau“

Leipzig-Paunsdorf „Grüner Bogen“

(Sachsen)

Handlungsfelder: Umwelt

Kontext

Nach hohen Einwohnerverlusten in den 1990er Jahren steigen die Einwohnerzahlen in Leipzig wieder leicht an. Das Wachstum konzentriert sich vor allem im gründerzeitlichen Bestand. In den randstädtischen Bereichen, insbesondere in den Großwohnsiedlungen, halten die Bevölkerungsverluste nach wie vor an.

Paunsdorf-Heiterblick ist Ende der 1980er Jahre am nordöstlichen Stadtrand Leipzigs entstanden. Das Projekt Grüner Bogen Paunsdorf zielt u. a. darauf ab, den Wohnstandort weiter zu stabilisieren. Renaturierung und Revitalisierung des unmittelbar benachbarten, ehemaligen Kasernengeländes „Heiterblick“ spielen für die Aufwertung des Wohnumfeldes eine zentrale Rolle.

Durch die militärische Nutzung entwickelten sich wertvolle Biotope auf dem Kasernengelände. Während die Kasernenanlage selbst als Gewerbestandort revitalisiert wird, wird die im Besitz der Stadt befindliche Manöverfläche in ihrem schützenswerten Landschafts- und Biotopcharakter gesichert und vor Verbuschung bewahrt. Dazu wurde die Fläche in Teilen eingezäunt und zur ganzjährigen Beweidung verpachtet. Das Beweidungsprojekt ist eingebunden in den Grünen Bogen Paunsdorf, der mit 120 ha das größte Projekt der Freiraumentwicklung im Leipziger Nordosten ist.

 

Projektbeschreibung

Bild: Schnittstelle zwischen den städtischen Freiflächen und der ländlichen Umgebung

Foto: bgmr Landschaftsarchitekten

Der Grüne Bogen Paunsdorf bildet eine gestalterisch inszenierte Schnittstelle zwischen den städtischen Freiflächen und der ländlichen Umgebung. Den gestalterischen Rahmen bildet eine umlaufende Promenade, die zu verschiedenen Freizeitbereichen und zu fünf markanten Aussichtsflächen führt. Zusammen mit landwirtschaftlichen und militärischen Brachflächen bildet sie den neuen Parkring.

Neben der Großwohnsiedlung Paunsdorf-Heiterblick entsteht auf ehemaligem Militärgelände durch hochwertig gestaltete neue Erholungsräume, modellhafte Naturschutzstrategien und alternative Bewirtschaftungskonzepte schrittweise ein vorbildlicher zeitgenössischer Bürgerpark. Ein See (Regenrückhaltebecken), ein Sportpark und weitere Spiel- und Freizeitangebote sollen auch die Attraktivität der Großwohnsiedlung erhöhen. Bestandteil ist zudem ein einzigartiges Beweidungsprojekt, bei dem Heckrinder und Przewalski-Pferde den Offenlandcharakter der ehemaligen Manöverfläche erhalten und den Erlebniswert der Landschaft erheblich steigern. Die Wildtiere sind für die Bewohner bereits zu einem geschätzten Bestandteil des Stadtteils geworden. Die intensiver gestalteten Flächen des Grünen Bogens werden durch einen Wanderschäfer mit beweidet.

Zur Entwicklung des Grünen Bogens war ein Bebauungsplan notwendig. So konnte eine Grundlage für den Flächenerwerb durch die Stadt geschaffen, Ausgleichsflächen festgelegt, Wegerechte auf privaten Grundstücken gesichert und nicht zuletzt die Ansiedelung von großflächigem Einzelhandel verhindert werden. Ein Wettbewerbsentwurf als auch ein naturschutzfachliches Konzept bildeten die Grundlagen des Gesamtkonzeptes.

Der Grüne Bogen Paunsdorf wird wegen seiner vielfältigen Akteurskonstellation international als Vorbild gewertet und durch das EU-Projekt „GreenKeys – Stadtgrün als Schlüssel für nachhaltige Städte“ beforscht. Die Tradition der Leipziger Bürgervereine wird aktiv genutzt. Der Bürgerverein Paunsdorf e.V. ist gemeinsam mit dem Amt für Stadtgrün und Gewässer ständiger Ansprechpartner für Bürger und Interessierte. Zur Verankerung des Projektes im Stadtteil wurden kleinteilige Kooperationen etabliert. Die Anwohner wurden an der Konzeption sowie der Pflege und Bewirtschaftung des Parks beteiligt. Sie übernehmen Pflegepatenschaften für Bäume, Heckrinder oder Wildpferde.

Die Rahmenbedingungen der Beweidung im Sinne des Naturschutzes, wie die Anzahl der Tiere, regelt ein Bewirtschaftungsvertrag. Eine Besonderheit des Projektes ist, dass neu auftretende Probleme, wie neue EU-Richtlinien zu Impfverpflichtungen und aufwändige Schlachtmethoden, jenseits der eingeübten Planungsroutinen offensiv angegangen werden.

Als neue Form der Trägerschaft bewährt sich die Verpachtung der Beweidungsfläche an einen ökologisch arbeitenden Landwirtschaftsbetrieb des Naturschutzbundes (Nabu). Die Stadt stellt die Pachtfläche kostenlos zur Beweidung zur Verfügung. Der Pächter finanziert sich u.a. über Grünlandprämien. Nach dem Wegfall der Förderungen muss sich der Betrieb allerdings zu 100% aus der Vermarktung von Ökofleisch, Zuchtrindern und der naturschutzorientierten Landschaftspflegeförderung selbst tragen. Durch die Ökofleisch-Produktion wird versucht, die Renaturierungsfläche künftig auch ökonomisch in Wert zu setzen.

Der Bürgerpark wird über städtische Eigenmittel, Fördermittel aus verschiedenen Programmen (Gewerbeflächenentwicklung, Stadtumbau) und aus Spenden finanziert. Bewusste Strategie ist, die Ausgleichsmaßnahmen anderer Bauvorhaben auf die Fläche zu lenken und eine Anschubfinanzierung für die Realisierung des Grünen Bogens zu bewirken, so dass 60% der Maßnahmen über Ausgleichsmittel finanziert sind. Jugendtreff und Manövergelände sind Pilotprojekte im Europäischen Forschungsprojekt GreenKeys und wurden darüber anteilig finanziert. Die Erschließung (Wege, Stege, Terrassen) erfolgte mit städtischen Mitteln.

 

Projektchronologie

Jahr Ereignis
2000 landschaftsarchitektonischer Wettbewerb
ab 2004 Beginn der Beweidung
2005 Fertigstellung 1. Bauabschnitt „Grüner Bogen“
2007 Architekturpreis der Stadt Leipzig
bis 2011 geplante Fertigstellung des Gesamtprojektes „Grüner Bogen“
 

Ziele

  • Gestaltung und Entwicklung einer urbanen Landschaft als Teil des Grünen Rings Leipzig
  • Verbindung von stadtnaher Erholung und Naturschutz
  • Schaffung von Flächen für Ausgleichsmaßnahmen
  • Ausgleich des im Rahmenplan diagnostizierten Freiraummangels
  • Stabilisierung der Großwohnsiedlung als Wohnstandort durch Aufwertung
  • Identifikation der Bewohner durch den Erlebniswert
  • Öffnung ehemaliger Barrieren (Manöverfläche/Kleingartenanlage)
  • Schaffung von Verbindungen zur alten Ortslage Paunsdorf
  • Erhalt und Weiterentwicklung wertvoller Biotopflächen
  • „Plus-Minus-Null“-Rechnung für die Pflege der Renaturierungsflächen
  • Mögliche Beschäftigungseffekte durch das Beweidungsprojekt
 

Maßnahmen

Bild: Neue Weideflächen mit Heckrindern und Przewalski-Pferden

Foto: Stadt Leipzig

  • Durchführung eines Realisierungswettbewerbs
  • Landschaftsarchitektonisches Gesamtkonzept
  • Aufstellung eines Bebauungsplans
  • Durchführung von Bürgerforen, Workshops und Ausstellungen zur Beteiligung der Bürger
  • Räumung der militärischen Anlagen
  • Erstellung von alternativen Bewirtschaftungskonzepten
  • Beweidung durch die Primigenius, Köthener Naturschutz- und Landschaftspflege GmbH.
  • Pflanzaktionen und Übernahme von Patenschaften für Bäume, Heckrinder oder Wildpferde
  • Fertigstellung der „Bürgerpark“-Terrasse als erste der fünf Aussichtsterrassen
  • Fertigstellung des Rundwegs um die Weidefläche
 

Innovationen

Bild: Beweidung durch Schafe

Foto: bgmr Landschaftsarchitekten

Durch extensive und naturverträgliche Beweidung wird der Offenlandcharakter am Stadtrand entwickelt. Die Beweidung ist eine sinnvolle Alternative zu konventionellen Pflegemaßnahmen im urbanen und suburbanen Raum. Das Motiv der Beweidung stärkt die Identifikation der Bewohner mit ihrem Umfeld. Tragende Stützen des Projektes sind die kleinteilige Akteursstruktur und die erfolgreiche Anpassung der jeweiligen „Flächentaktik“ an die sich wandelnden Erfordernisse. Hervorzuheben ist das hohe Engagement der Bürger und der Verwaltung als Erfolgsfaktor für dieses Projekt.

Die öffentlichkeitswirksame Teilnahme an europäischen Projekten (Forschungsvorhaben greenkeys) unterstützt die intensive Öffentlichkeitsarbeit und sorgt für internationale Publizität.

 

Quellen

  • Bundesministerium für Verkehr, Bau und Stadtentwicklung (BMVBS) / Bundesinstitut für Bau-, Stadt- und Raumforschung (BBSR) / Herausgeber: „Renaturierung - als Strategie nachhaltiger Stadtentwicklung“, Dokumentation von Fallstudien in der Reihe Werkstatt:Praxis, Heft 62, Bonn 2009, <http://www.bbsr.bund.de/BBSR/DE/Veroeffentlichungen/WP/2009/H62.html>
 

Weiterführendes

  • <http://www.gruener-ring-leipzig.de/>
  • <http://www.greenkeys.org>
  • <http://www.null-euro-urbanismus.de/?p=200>

Hier erscheint der Projektstandort direkt in Google-Maps. Projekt in Google-Maps

Den Projektstandort finden Sie auch unter PLZ: 04329 - Ort: Leipzig - Straße: Waldkerbelstraße.

 

Akteure

  • Stadt Leipzig, Amt für Stadtgrün und Gewässer, Karmen Seidel, Nonnenstraße 5 c, 04229 Leipzig, Tel. 0341-1236131, Email: <karmen.seidel@leipzig.de>
  • Wettbewerbsentwurf: Häfner Jimenez, Büro für Landschaftsarchitektur, Schwedter Straße 263, 10119 Berlin, Tel. 030-44324160, Fax. 030 44324159, Email: <info@haefner-jimenez.de>, Web: <http://www.haefner-jimenez.de>
  • Naturschutzfachliches Konzept: Büro poserplan, Gehrenrode 7, 37581 Bad Gandersheim, Tel. 05183-957210, Fax. 05183-957209, Email: <info@poserplan.de>, Web: <http://www.poserplan.de/>
 

Datensatz eingestellt am 15.07.2009 vom Bundesinstitut für Bau-, Stadt- und Raumforschung (BBSR) im Bundesamt für Bauwesen und Raumordnung (BBR), zuletzt geändert 30.10.2009

gedruckt am: Mittwoch, 8. Februar 2012

Werkstatt-Stadt Link: <http://werkstatt-stadt.de/de/projekte/191/>