Projekt aus der Datenbank Werkstatt-Stadt
Nachwachsende Rohstoffe auf Abrissbrachen in Großwohnsiedlung
(Sachsen-Anhalt)

Foto: Stadtwirtschaft GmbH Halle
Halle-Neustadt wurde in den 1960er bis 1980er Jahren als eines der städtebaulichen Vorzeige-Projekte der DDR errichtet. Seit der Wende verlor der Stadtteil ca. 44% seiner Einwohner. Hohe Leerstände veranlasste die Stadt bereits 2001, gemeinsam mit den Wohnungsunternehmen ein gesamtstädtisches Integriertes Stadtentwicklungskonzept (ISEK) zu entwickeln, mit dem Ziel, umfassend Wohngebäude abzureißen.
Wegen der randstädtischen Lage, des niedrigen Sanierungsstandes und hoher Leerstandsquoten liegt ein strategischer Rückbau-Schwerpunkt im Wohnkomplex VI. Dort soll auf den Abrissflächen der angrenzende Landschaftsraum erweitert und als Grünfläche zur Naherholung, zum Gartenbau genutzt oder landwirtschaftlich bewirtschaftet werden. Mit dem Pilotprojekt sollte erprobt werden, wie bei fehlender Nachfrage nach Wohnraum und mangelnden Ressourcen für die Pflege von öffentlichem Grün die Nutzung als „Energiewald“ eine produktive Nutzung von Brachflächen möglich ist.

Foto: BEC GmbH Biotechnic
Die Stadtwirtschaft GmbH Halle entwickelte in Zusammenarbeit mit der Gesellschaft für Wohn- und Gewerbeimmobilien (GWG) ein innovatives Konzept, auf der 0,8 ha großen Abrissfläche Lüneburger Bogen eine Kurzumtriebsplantage aus schnell wachsenden Balsampappeln anzulegen. Motiv für die Stadtwirtschaft ist die Gewinnung eines vermarktbaren Brennstoffes (Holzhackschnitzel und Holzpellets) aus dem anfallenden Grünschnitt. Da der bisherige Holzanteil des Grünschnitts für die Vermarktung zu gering ist, sah man eine Problemlösung darin, hoch qualitative Holzhackschnitzel aus den Kurzumtriebsplantagen beizumischen. Im Jahr 2007 wurden daher 18.000 Stecklinge gesetzt, deren Holz alle 3 bis 4 Jahren „geerntet“ werden soll.
Das Projekt wurde als Pilotprojekt definiert, da eine Klassifizierung als landwirtschaftliche Fläche kurzfristig nicht durchsetzbar war. Mit dem Pilotprojekt soll die Durchführbarkeit auf einer Abrissfläche erprobt und insbesondere die Rentabilität bewertet werden.
Die Gesellschaft für Wohn- und Gewerbeimmobilien (GWG) ist Eigentümerin von etwa einem Drittel des Wohnungsbestandes in Halle-Neustadt und hat ein starkes Interesse an kostenneutralen Nachnutzungsformen für Rückbauflächen. Somit stellt die Verpachtung der Fläche an die Stadtwirtschaft eine Win-Win-Situation für die beteiligten Akteure dar, die Vorbildwirkung für andere Flächen entwickeln kann. Privatrechtlich wurde zwischen der Stadtwirtschaft und der GWG ein Pachtvertrag geschlossen, der die Bewirtschaftung als Kurzumtriebsplantage für maximal 20 Jahre vorsieht.
Die Kosten des Oberbodenauftrages und der Anpflanzung der Kurzumtriebsplantage wurden mit Stadtumbaumitteln finanziert. Für die Stadtwirtschaft fällt kein Miet- oder Pachtzins an, im Gegenzug reduzieren sich für die GWG die Kosten für Pflege und Unterhalt der Flächen. Mittelfristig strebt die Stadtwirtschaft die Erschließung neuer Marktchancen an, da die Klimadiskussion und die Ziele des Erneuerbare Energien Gesetzes (EEG) eine Verknappung biogener Brennstoffe erwarten lässt. Kurzumtriebsplantagen werden allerdings erst ab einer Flächengröße von mindestens 2 ha rentabel, da erst dann Großmaschinen für die Pflege und Ernte zum Einsatz gebracht werden können. Die Einnahmen werden auf rund 600 Euro/ha/Jahr geschätzt. Im Normalfall benötigen Kurzumtriebsplantagen bis zur Ernte kaum Pflege. Mit Kurzumtriebsplantagen können auch sekundäre Wertschöpfungsketten erschlossen werden. Die Knospen der Balsampappel können beispielsweise zur Herstellung kosmetischer Produkte verwendet werden.
Das Projekt hat auch für die Bewohner des Stadtteils positive Effekte. Der sich periodisch verändernde „Stadtwald“ leistet sowohl einen Beitrag zur landschaftlichen Aufwertung des Wohnumfeldes als auch zur Inwertsetzung einer wertlosen Fläche durch eine „produktive Landschaftsform“. Die Kurzumtriebsplantage Lüneburger Bogen stellt einen Baustein zur Umsetzung des vom ISEK gesetzten Leitbildes der Erweiterung des Landschaftsraumes in die Siedlung dar. Das Pilotprojekt trifft sowohl auf Bewohnerseite als auch bei anderen Wohnungsunternehmen auf eine sehr hohe Akzeptanz. Es haben bereits weitere Wohnungsunternehmen Interesse an der Umsetzung von Kurzumtriebsplantagen auf Rückbauflächen bekundet.
Chancen und Lösungswege
| Jahr | Ereignis |
|---|---|
| 2005 | Abriss des Gebäudeblocks am Lüneburger Bogen und Mutterbodenauftrag |
| 2007 | Setzen der Stecklinge |
| 2007 | Maßnahmen zur Wildkrautbeseitigung |
| 2008 | Ausweitung der Kurzumtriebsplantage |

Quelle: Stadtwirtschaft GmbH Halle

Quelle: Stadtwirtschaft GmbH Halle
Ein Energiewald in einer Großwohnsiedlung ist ein völliges Novum. Der Anbau von nachwachsenden Rohstoffen auf ehemals baulich genutzten Flächen steht dabei nicht in Konkurrenz zu Flächen für die Nahrungsmittelproduktion. Das Projekt setzt Brachflächen wieder in Wert, indem produktive Landschaften entstehen. Die an der Kurzumtriebsplantage beteiligten städtischen Akteure bewiesen Mut zum innovativen handeln, indem sie trotz unklarer wirtschaftlicher Konsequenzen und unsicherer Rechtslagen eine gemeinsame Lösungsstrategie für den Standort mit dem Ziel der Übertragbarkeit entwickelten. Die Problemlage der Wohnungsunternehmen, zu viele unproduktive Grünflächen pflegen zu müssen, traf auf den Bedarf der Stadtwirtschaft nach kostengünstigen Flächen zur Entwicklung eines neuen Produktes für die Energiegewinnung. Das Pilotprojekt Kurzumtriebsplantage ist beispielhaft für eine innovative Kooperation zwischen zwei kommunalen Unternehmen.
Hier erscheint der Projektstandort direkt in Google-Maps. Projekt in Google-Maps
Den Projektstandort finden Sie auch unter PLZ: 06126 - Ort: Halle - Straße: Lüneburger Bogen.
Datensatz eingestellt am 26.06.2009 vom Bundesinstitut für Bau-, Stadt- und Raumforschung (BBSR) im Bundesamt für Bauwesen und Raumordnung (BBR), zuletzt geändert 30.10.2009
gedruckt am: Donnerstag, 17. Mai 2012
Werkstatt-Stadt Link: <http://werkstatt-stadt.de/de/projekte/187/>