Kiezpark - von der Zwischennutzung zur Dauereinrichtung
(Berlin)

Quelle: S.T.E.R.N., Berlin
Im November 1994 beschließt der Senat von Berlin die förmliche Festlegung des im heutigen Bezirk Pankow gelegenen Sanierungsgebietes Prenzlauer Berg-Winsstraße. Das Neuordnungsprogramm sieht vor, die gründerzeitliche Bebauungsstruktur, die soziale Mischung und die Nutzungsmischung zu erhalten, den Wohngebäudebestand zu erneuern sowie das Grün- und Freiflächenangebot zu verbessern. Sanierungsbeauftragte ist die S.T.E.R.N. Gesellschaft der behutsamen Stadterneuerung mbH, Berlin.
Der Abriss eines bezirklichen Rettungsamtes in der Marienburger Straße hinterließ eine 6.000 m² große Brachfläche, auf der eine Polizei- und Feuerwache sowie ein 1.000 m² großer Kleinkinderspielplatz neu entstehen sollten. Der Neubau der Feuerwache wurde aufgrund von Sparmaßnahmen im Berliner Haushalt verschoben.

Foto: falcon crest/Schroedter/Saathoff
Gemeinsam mit dem Amt für Umwelt und Natur (AUN) und der Sanierungsbeauftragten S.T.E.R.N. setzte sich die Betroffenenvertretung (BV) Winsstraße für eine "grüne Zwischennutzung" der Brachfläche ein, um das hohe Defizit an Grün- und Freiflächen im Sanierungsgebiet zu mindern. Ein Gutachter untersuchte die Möglichkeiten einer temporären Nutzung, dann folgten erste Verhandlungen mit der Feuerwehr als dem planmäßig vorgesehenen Nutzer. Auf Initiative der BV Winsstraße führten das AUN und S.T.E.R.N. mit vielen Anwohnern und sechs Landschaftsplanungsbüros einen Workshop durch, auf dem Grundzüge eines Entwurfs für die Gesamtfläche erarbeitet wurden. Das Votum der Jury für das Konzept eines Stadtplatzes mit Abenteuerspielplatz als Hauptnutzung wurde realisiert.
Durch die Bündelung verschiedener öffentlicher Finanzierungsquellen, ergänzt um Geld- und Sachspenden und die unbezahlte Mitarbeit von BewohnerInnen und Künstlern aus dem Kiez, konnte trotz knapper öffentlicher Ressourcen ein wesentlicher Beitrag zur Verbesserung des Wohnumfeldes geleistet werden. 200 Schüler aus 11 Schulklassen gaben dem Platz mit Wandmalereien und Mosaiken sowie mit einem selbst gestalteten Spielbrunnen ein neues Gesicht. Die Baumreihen konnten aus einer Ausgleichsmaßnahme bezahlt werden. Mit Mitteln des EU-Programmes URBAN II ließ sich zusätzlich die Aufstellung von Solarleuchten realisieren. Die Gartenbauarbeiten wurden mit der Unterstützung von Langzeit-Arbeitslosen durchgeführt, die von der Bundesanstalt für Arbeit bezahlt wurden.
Im Juni 2005 konnte nach Abschluss der Grundstücksverhandlungen mit der Feuerwehr der provisorische Status beendet werden. Somit ist die Nutzung der „Marie“ als öffentliche Grünfläche und Stadtplatz für das Sanierungsgebiet Winsstraße auf Dauer gesichert.
Mit der Fertigstellung einer Turnhalle und einer Hort-/Jugendeinrichtung auf den benachbarten Schulgrundstücken ist das räumliche Angebot ergänzt worden. Zugleich ist die fußläufige Erschließung für die Bewohner verbessert worden.
Schließlich wurde eine großflächige Brandwand an der „Marie“ neu gestaltet und familiengerechte Wohnungen im Rahmen einer Baugemeinschafts-Initiative in direkter Nachbarschaft gebaut.
Das Projekt wurde mit dem Gustav-Meyer-Preis 1999 des Landes Berlin für beispielhaftes Planungsverfahren ausgezeichnet, war Preisträger des Programms "Soziale Stadt" 2000 und wurde 2004 im Rahmen des Deutschen und Europäischen Städtebaupreises unter dem Motto „Auch Kindern gehört die Stadt-Kinderfreundliche Stadterneuerung in einem dicht bebauten Gründerzeitviertel von Berlin“ gewürdigt.
| Jahr | Ereignis |
|---|---|
| 1994 | Festlegung des Sanierungsgebietes |
| 1995 | Abriss des bezirklichen Rettungsamtes, Planung einer Polizei- und Feuerwache |
| Juni 1997 | Durchführung eines Workshops zur Zwischennutzung der Brachfläche |
| Sept. 1997 | Vertrag über 10 Jahre kostenlose Nutzung mit Verlängerungsoption zwischen dem Amt für Umwelt und Natur und der Feuerwehr |
| ab Mai 1998 | Gestaltungsarbeiten |
| 1998 | Fertigstellung eines Kleinkinderspielplatzes |
| Mai 1999 | Einweihung des Stadtplatzes |
| Juni 2005 | Beendigung des Status einer Zwischennutzung |
| 2005/06 | Arrondierung und Qualifizierung des Stadtplatzes „Marie“ durch Fertigstellung einer Turnhalle und einer Hort-/Jugendeinrichtung auf den benachbarten Schulgrundstücken |

Foto: Schnaars/Schroedter

Plan: Landschaftsarchitekturbüro Selmanagic/Bruch

Quelle: S.T.E.R.N., Berlin
Vor dem Hintergrund der Finanzknappheit der Kommune ergab sich die Chance der temporären Nutzung einer Baulücke als Platz- und Grünfläche für die Bewohner eines Innenstadtquartiers. Durch die umfassende Bewohnerbeteiligung am gesamten Prozess entstand eine große Identifikation und hohe gestalterische Qualität bei geringen Kosten. Zugleich sind Arbeitsförderungsmaßnahmen durchgeführt worden. Mit dem Zwischenschritt einer provisorischen Nutzung ist letzlich eine dauerhafte Verbesserung der Freiraumsituation erreicht woden.
Den Projektstandort finden Sie auch unter PLZ: 10405 - Ort: Berlin - Straße: Marienburger Straße 43.
Datensatz eingestellt am 01.02.2003 im Rahmen des Forschungsauftrages „Innovative Projekte im Städtebau“ (IProS) vom Lehrstuhl für Planungstheorie und Stadtplanung, RWTH Aachen und aktualisiert vom Bundesinstitut für Bau-, Stadt- und Raumforschung (BBSR) im Bundesamt für Bauwesen und Raumordnung (BBR) .
Letzte Änderung: 19.08.2008